5-Liter-V8, 600 PS, 1240 kg, rund 300 km/h schnell

Emil Frey Racing: Es geht voran

„Mission impossible“, tönte es, als Emil Frey Racing ins Abenteuer GT-Rennsport startete. Entgegen aller Unkenrufe hat sich der Schweizer Rennstall als ernst zu nehmender Wettbewerber etabliert.

Die Schweiz hat, zumindest was die jüngere Zeit anbelangt, keine Tradition als Land der Autobauer. Entsprechend fehlt das Knowhow. Auch im Motorrennsport spielt die Musik anderswo, auch wenn Sauber „made in Switzerland“ ist. Die meisten Rennställe sind in England domiziliert, ebenso die Zulieferer. Kein Wunder, reagierten hiesige Rennsportfans eher skeptisch, als Emil Frey Racing 2012 mit einem in Safenwil komplett neu aufgebauten Jaguar XK in die Langstreckenmeisterschaft Blancpain GT3 Endurance Series einstieg. Doch die sich allmählich einstellenden Erfolge mit dem Emil Frey GT3 Jaguar strafen die Skeptiker Lügen. Von Beginn weg dabei war der 26-jährige Lorenz Frey als Fahrer und Teamchef. Wir trafen ihn Anfang Dezember 2016 in Zürich.
 

 

Herr Frey, halten die beiden blauen Wildkatzen unter einer Abdeckplane ihren verdienten Winterschlaf?
Lorenz Frey:
Keineswegs, die beiden Boliden sind mehr oder weniger komplett zerlegt, wie nach jedem Rennen. Die Teile werden für die nächsten Tests überprüft, zum Beispiel auf Risse, neue Teile, von denen wir uns Verbesserungen versprechen, werden eingebaut. Das Auto muss ständig weiterentwickelt werden, um kompetitiv zu bleiben. Denn die Konkurrenz, die Werkteams von Audi, Bentley, Aston Martin & Co., schläft nicht.

Moderne Autos sind nachgerade so zuverlässig wie Flugzeuge. Aber in Autorennen sind Ausfälle an der Tagesordnung. Weshalb?
Ein Kilometer auf der Rennpiste ist nicht zu vergleichen mit einem Kilometer auf der Strasse. Rennwagen werden ständig am Limit gefahren, in Langstreckenrennen während drei, sechs oder sogar 24 Stunden. Die Belastung und der Verschleiss sind enorm. Deshalb haben die Fahrzeugteile eine beschränkte Lebensdauer. Bei uns kommt dazu, dass die wenigsten Teile ab Werk sind, es handelt sich meist um Unikate. Als noch junges Team müssen wir zuerst Erfahrungen sammeln, wie lange diese Teile halten.

Könnte man extrem beanspruchte Teile nicht einfach robuster bauen?
Robuster heisst eben in der Regel auch schwerer. Um jedoch konkurrenzfähig zu sein, muss das Fahrzeug so leicht wie möglich sein. GT3-Rennen sind immer eine enge Angelegenheit. Wenn man bedenkt, dass letztes Jahr in Monza 20 Autos in ihren Rundenbestzeiten innerhalb einer halben Sekunde lagen, wird klar, was es heisst, wenn das Fahrzeug nur schon ein paar hundert Gramm weniger auf die Waage bringt. Jedes verbaute Teil ist ein Kompromiss: möglichst geringes Gewicht bei grösstmöglicher Stabilität.

Welche Ziele haben Sie für die neue Saison?
Wir wollen versuchen, die höher eingestuften Werkteams weiter zu ärgern und auch mal eine Top-Ten-Platzierung herauszufahren. Das ist für uns als einziges Privatteam mit einem selbst aufgebauten Fahrzeug ein sehr ambitiöses Unterfangen. Wie David gegen Goliath. Um in den Punkterängen zu landen, muss einfach alles zusammenpassen. Von der Fahrzeugabstimmung über das Qualifying und die Pit Stops bis zur Tagesform der Fahrer.

Sie sind seit 2016 Fahrer und Teamchef zugleich. Wie gehen Sie mit der Doppelbelastung um?
Zugegeben, es ist ein Spagat. Aber auf dem Rennplatz trenne ich die Funktionen strikt. Da bin ich nur Fahrer, und zwar in aller Konsequenz. Sollte ich mal einen schwierigen Tag einziehen, darf man mich per Stallorder aus dem Cockpit holen; dem Teamerfolg ordne ich alles unter. Abseits des Rennplatzes übernehme ich den Lead, bestimme sowohl das Tagesgeschäft als auch die langfristige Strategie.

Anders als die meisten Rennfahrer blicken Sie nicht auf die klassische Gokart-Karriere zurück. Sie haben erst relativ spät zum Motorrennsport gefunden.
Das ist so und mag vielleicht erstaunen angesichts der Tatsache, dass sowohl mein Grossvater als auch mein Vater den Motorsport leidenschaftlich und erfolgreich betrieben. Meine Passion war das Eishockey, doch mit 18 Jahren musste ich die Eishockeyschuhe aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel hängen. 2009 fuhr ich mit einem 125 PS starken Suzuki Sport auf dem Hockenheimring mein erstes Plauschrennen, da hat es mir den Ärmel reingezogen, wie es so schön heisst. Nebenbei, der Rennsport und das Eishockey weisen durchaus Gemeinsamkeiten auf: Beide Sportarten sind schnell, es braucht Reaktion, sowohl Schnellkraft als auch Ausdauer sowie ein gutes Auge.
 

 

Die Hinwendung zum Motorsport hat Ihren Vater, Walter Frey, wohl sehr gefreut.
Weder der Vater noch die Mutter drängten meine beiden Schwestern und mich zu irgendwas. Natürlich sah ich als Bub die Pokale in der Vitrine, aber mein Vater sprach kaum je darüber. Erst als ich Interesse zeigte, holte er die Fotoalben hervor und begann zu erzählen. Er war auch sofort begeistert von der Idee, die Rennsportabteilung der Emil Frey AG wieder aufleben zu lassen, die Ende der 1960er- bis in die 1980er-Jahre hinein ein fester Bestandteil im schweizerischen Automobilrennsport war.

Nun ist es jedoch ein weiter Weg vom Plauschrennen bis zum Rennstall.
2010 reifte der Entschluss, ein eigenes Team auf die Beine zu stellen. Angedacht war zuerst ein Einsatzteam, also mit einem fertigen Rennwagen zu fahren. Denn wir hielten es für vermessen, ein eigenes Fahrzeug komplett neu aufzubauen. In der Schweiz und auch in unserer Gruppe fehlte dazu schlicht das nötige Knowhow: Wir waren Fachmann in der Aufbereitung und dem Reparieren von Fahrzeugen, aber keine Autobauer.

Es kam anders. Weshalb beschlossen Sie, an GT3-Rennen zu starten?
Wir haben uns verschiedene Rennserien angeschaut. GT3-Rennen wählten wir, weil hier die Fahrzeuge so umgebaut werden, dass Marke und Modell noch erkennbar sind; das fördert die Identifikation der Zuschauer. Zudem waren anfänglich viele Privatteams am Start; es war eine Art Gentlemen’s Trophy. Doch dann kamen die Werkteams mit viel Geld und bremsten die Privatteams aus.

Und wie kamen Sie auf Jaguar?
Die Marke ist eine alte Liebe der Emil Frey Gruppe. 1926 schloss mein Grossvater, der Unternehmensgründer Emil Frey, mit dem späteren Jaguar-Chef Sir William Lyons einen Importvertrag für Motorradseitenwagen. Ein knappes Jahrzehnt später war mein Grossvater der erste Jaguar-Importeur weltweit. Ausserdem hatte sich die britische Traditionsmarke 2004 vollständig aus dem Rennsport zurückgezogen. Seither baute Jaguar zwar wunderschöne Autos, denen jedoch auch für eingefleischte Fans die einstige Sportlichkeit abging. Das war unsere Chance, und mit dem Einverständnis des Werks begannen wir mit dem Aufbau des Emil Frey GT3 Jaguar.

Wo befindet sich das Domizil des Racing Teams?
Der Rennstall ist im Logistikzentrum der Emil Frey Gruppe im aargauischen Safenwil beheimatet. Dort werden wir – ähnlich der Emil Frey Classics AG als Kompetenzzentrum für Oldtimer – ein Kompetenzzentrum für Rennfahrzeuge aufbauen. Die Baubewilligung ist erteilt, die Eröffnung diesen Herbst geplant. Dann können wir auch Fremdaufträge bearbeiten und den Beweis antreten, dass wir auch in diesem Bereich der Fachmann sind.

Was bringt Ihnen der Rennsport für Ihre berufliche Zukunft in der Emil Frey Gruppe?
Natürlich ist das Rennfahren meine grosse Leidenschaft, aber es bringt mir auch als Geschäftsmann viel. Dank Emil Frey Racing kann ich in der Autobranche ein grosses Netzwerk aufbauen. So hatte ich es schon mit den Chefs von weltweit tätigen Reifen- und Motorölproduzenten, aber auch renommierten Materialexperten zu tun. Das sind wertvolle Kontakte, die in meinem Alter nicht selbstverständlich sind.

Testen Sie die neuesten Modelle der Emil-Frey-Importeure?
Häufig fängt es früher an. Manche Hersteller sind an meiner Meinung bereits in der Prototypphase interessiert. Als Rennfahrer kann ich insbesondere ausloten, wie sich ein Auto im Grenzbereich verhält. Die Schweiz ist zwar ein kleiner Markt, aber die Emil Frey Gruppe steht im Ruf, kundennah zu sein. Deshalb ist unser Rat bei Neuentwicklungen gefragt, was uns die Möglichkeit verschafft, unsere Ideen und Wünsche einzubringen.

 

Wir wünschen Ihnen und Ihrem Team für die neue Saison viel Erfolg.

 

Emil Frey Racing Webseite