Spurensuche am Klausenpass

Der Klausenpass verbindet die Kantone Glarus und Uri. Aber er ist weit mehr als ein Ost-West-Übergang. Er ist ein Mythos.

Zugegeben, der Gotthard ist geschichtsträchtiger, die Furka höher – und trotzdem überstrahlt der Klausenpass beide. Einerseits lockt der 1952 Meter hohe Übergang motorisierte Ausflügler an, weil die Strasse mit grossem Respekt vor dem ursprünglichen Zustand erneuert wurde. Mit den steilen Rampen und Haarnadelkurven, die atemraubende Aussichten auf die Berge und ins Tal bieten, verspricht die 1899 eröffnete Fahrstrecke noch immer einen Hauch von Abenteuer. Andererseits hängt sein Nimbus mit dem «Grossen Bergpreis der Schweiz» zusammen, der zwischen 1922 und 1934 zehn Mal ausgetragen wurde.

Das Klausenrennen war in der Pionierzeit des Automobils das populärste, längste und schwerste Bergrennen der Welt. Keine andere Strecke faszinierte die besten Motorrad- und Autorennfahrer sowie bis zu 30‘000 Zuschauer mehr als die 21,5 Kilometer lange Naturstrasse, die von Lintthal über 1237 Höhenmeter und durch 136 Kurven zur Passhöhe hinaufführte. 1934, bei der letzten Austragung, erreichte der deutsche Weltklassepilot Robert Caracciola auf der langen Gerade des Urnerbodens auf seinem 750 kg leichten und 354 PS starken Mercedes «Silberpfeil» eine Spitzengeschwindigkeit von sagenhaften 200 km/h. Ein wahrer Höllenritt, war die Strasse doch gespickt mit Wellen, Löchern und Gräben! Mit 15.22,2 Minuten fuhr «Caratsch» einen Streckenrekord, der Bestand haben sollte.

1993 erlebte das Klausenrennen eine Wiedergeburt. Am «Memorial-Rennen» bretterte beinahe alles über die Passstrasse, was in der Zwischenkriegszeit auf zwei und vier Rädern einen klangvollen Namen hatte. Übrigens, bis zur fünften und bisher letzten Austragung 2013 blieb Caracciolas Rekord trotz inzwischen geteerter Strasse unangetastet.
 

Aussichten und Einblicke am Klausenpass: Einen Blick wert sind auch das originale Interieur des E-Type sowie das Speichenrad mit Zentralverschluss. Kurze Verschnaufpause für die beiden Oldies vor dem Zielhaus des Klausenrennens, das wie das gepflästerte Start-S in Linthal denkmalgeschützt ist.

 

Gänsehaut und Glücksgefühle

Ganz ohne Rekordabsichten sind wir mit zwei Oldtimern aus der Emil Frey Sammlung am Klausenpass unterwegs. Hinter dem filigranen Lenkrad eines umwerfend schönen Jaguar E-Typ Roadster 3,8 Liter, Serie 1, von 1963 lässt es sich dem Mythos Klausenrennen genussvoll nachspüren. Begleitet wird die Sportwagen-Ikone von einem flotten apfelgrünen Toyota Celica ST mit Baujahr 1972.

Die beiden Oldies sind gut in Schuss, leichtfüssig kurvt das apfelgrüne Coupé aus Japan die erste steile Rampe zum Urnerboden hoch, der grössten Kuhalp der Schweiz. Ungewohnt ist einzig die fehlende Servolenkung, was schweisstreibende Armarbeit zur Folge hat. In der Julihitze wäre zudem eine Klimaanlage kein Luxus… Dass auch die elegante Wildkatze ohne diese Komfortfeatures auskommen muss, vergisst man, sobald der Einstieg geschafft ist und der sonore Sound des Sechszylinders unter der endlos langen Motorhaube ertönt. Zudem staunt man, wie locker der 53-jährige E-Type die Steigungen meistert. Die Beschleunigung aus den Spitzkehren heraus ist enorm; die phänomenale Elastizität des 265-PS-Motors erspart viel Schaltarbeit. Dem Kunstwerk auf vier Rädern, das es sogar ins Museum of Modern Art in New York geschafft hat, fliegen die Herzen der anderen Verkehrsteilnehmer nur so zu. Einzig die Kühe, die am Strassenrand grasen, lassen sich nicht stören. Stil-Ikone hin, Kult-Coupé her – nichts im Vergleich zu den saftigen Alpenkräutern

 

 

 
Rennsportliche Erfolg als Werbung

Ungleich schneller zugange war Emil Frey. Zwischen 1925 und 1929 nahm der Gründer der heutigen Emil Frey AG viermal am Klausenrennen teil. 1925 kaufte der 27-jährige Mechaniker in England ein Sportmotorrad der Marke Sunbeam, dem er in der eigenen Werkstatt 20 Prozent mehr Leistung abrang. Erst richtig konkurrenzfähig wurde die Maschine jedoch durch ein Benzingemisch, das Emil Frey selbst herausgetüftelt hatte. Zur Rezeptur gehörten Benzol, Pikrinsäure, Äther und Rizinusöl, wie er Jahrzehnte später in einem Interview mit der «Memorial-Revue 1993» verriet. Darin erklärt Emil Frey auch seine Motivation für den Rennsport: «Da ich anfänglich immer knapp bei Kasse war und für meine englischen Motorräder nicht gross Werbung machen konnte, musste ich mir anderweitig einen Namen schaffen. Und dazu dienten eben die Rennen. Erst die rennsportlichen Erfolge machten mich weitherum bekannt und festigten so das Vertrauen der Kunden in die Qualität meiner Produkte.»

Mit 19.01,4 Minuten erzielte Emil Frey 1927 in der Halbliterklasse auf einer englischen H.R.D. bei den Profis Bestzeit. Den Siegerpokal erhielt er vor dem Telldenkmal in Altdorf überreicht.